Praxisbeitrag

Harald Polzin und Team bei einer szenischen Lesung zu Texten von Lili Grün © Oliver Kern

Aus dem Leben eines »Festivalbuchhändlers«

Die Tucholsky Buchhandlung hat ein Literaturfestival organisiert. Mit »READ!Berlin« hat sich Inhaber Jörg Braunsdorf einen Traum verwirklicht. Im buchreport.magazin berichtet er von seinem Vorgehen und gibt Praxistipps.

Kann eine Buchhandlung ein einwöchiges Literaturfestival mit 40 Autoren an 15 Orten stemmen? Yes, der Buchhandel can – zumindest gemeinsam mit ein paar Mitstreitern. Jörg Braunsdorf, Inhaber der Tucholsky Buchhandlung in Berlin, hatte seit der Eröffnung seiner Buchhandlung vor fünf Jahren die fixe Idee, ein Literaturfestival in Berlin-Mitte zu organisieren. Im April hat er sein Vorhaben mit dem Festival „READ!Berlin“ umgesetzt.

Dezentral und über eine Woche sollte das Festival laufen, das war dem Buchhändler von Anbeginn klar. Mit seinem Kollegen Jörg Englbrecht, der Verlegerin des Orlanda Verlags Anna Mandalka und dem Autor und Journalisten Christian Stahl war das Planungsteam vor einem Jahr gefunden. Die Mitstreiter kannten sich bereits vorher alle persönlich.

Zunächst habe sich das Team zusammengesetzt und die Idee wachsen lassen, erzählt Braunsdorf. Ein Blick ins Internet zeigte, dass es noch kein Literaturfestival mit dem Thema „Berlin“ gab. „Ich dachte: Berlin ist ein Thema, das ist so widersprüchlich, das muss man aufnehmen.“ Als Termin legte das Team den März fest und begann im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit der Sichtung möglicher Autoren: „Da hatten wir natürlich als Buchhändler einen einfachen Weg über die Vorschauen, über das Sortiment und die Kenntnis der Geschichten.“ Auf der Buchmesse haben die Veranstalter dann die ersten Vorgespräche geführt, das Programm nahm Farbe an.

Parallel zur Programmplanung rückte die Finanzierung in den Fokus: Zentral war hierbei der Antrag auf finanzielle Zuschüsse bei der Lotto-Stiftung, die öffentliche Gelder vergibt. Dass eine externe Finanzierung zwingend ist, zeigen im Rückblick die Zahlen: Die Einnahmen decken nur etwa 20% der Kosten des Festivals, die bei READ!Berlin im sechsstelligen Bereich lagen. Das Team musste für die Antragstellung außerdem einen Verein gründen.

Weitere Kooperationen ergaben sich mit dem Online-Ticketdienst Reservix und einem Hotel, das die Autoren zu vergleichsweise günstigen Konditionen aufgenommen hat. Hinzu kamen Medienpartnerschaften mit „Der Freitag“, der „taz“ und „Das Magazin“.

„Außerdem hat uns ein lockerer Pool von Leuten – Autoren, Freunde und Kunden – sowohl mit Ideen als auch in der praktischen Umsetzung unterstützt.“ Von tollen neuen Bekanntschaften, die er im Kiez gemacht habe, berichtet Braunsdorf. Aus den Bekanntschaften hätten sich teilweise Veranstaltungsorte oder auch Marketingkooperationen ergeben. „Immerhin ist es in Berlin-Mitte nicht immer einfach, an bezahl­bare Räume heranzukommen.“ ?

Die Gruppe „Mutlabor“ des Schauspielers Harald Polzin sei etwa durch Berlin gezogen und habe an öffentlichen Plätzen und in der U-Bahn Texte vorgetragen und somit für das Festival geworben. Und auch die Nachbarn ließen sich von der Festivalstimmung anstecken: „Der Taschenladen gegenüber hat beispielsweise Bücher in die Taschen gesteckt und mit literarischen Zitaten ausgestattet.“

Helmut Kuhn liest aus seinem Roman „Gehwegschäden“ © Oliver Kern
Kleinere Probleme meistern

Ohne kleinere Probleme kommt allerdings kein Festival aus: „Wir waren nicht so schnell, wie wir uns das wünschten. Aus der Finanzierungsentwicklung heraus haben wir im Winter entscheiden müssen, das Festival in den April zu verschieben.“ Durch die Terminverschiebung musste das Programm neu konzipiert werden, da die Leipziger Buchmesse nun in der Vergangenheit lag.

Spontaneität war auch gefragt, nachdem die „Zeit“ über die geplanten Auftritte der Schriftstellerin Lydia Davis berichtete und man plötzlich mit deutlich mehr als den 80 erwarteten Besuchern rechnen musste, die nicht in die Tucholsky Buchhandlung gepasst hätten. „Freitagabend hat sich entschieden, dass wir in den Admiralspalast gehen und Sonntag war die Veranstaltung“, rekapituliert Braunsdorf.

Natürlich sei das Festival auch insgesamt eine Mehrbelastung für die Buchhandlung gewesen, die in diesen Tagen gar zur Festivalbuchhandlung mutiert sei und von den Büchern der Festivalautoren dominiert wurde. „Das war schon von der Intensität und den Kräften, die wir einzubringen hatten, heftig.“ Nach der Ausnahmesituation musste die Tucholsky Buchhandlung während des laufenden Betriebs reorganisiert werden.

Aber das ist es wert gewesen: Etwa 2000 Besucher erfreuten sich an dem vielfältigen Programm, das besonders New­comern Platz bot (s. auch Infokasten).

 

Der digitale Raum

Als eine Programm-Besonderheit stach der digitale Raum des Festivals heraus. Auf der Internetseite des Festivals wurden in kurzen Videos täglich Texte vorgelesen. „Wir mussten akzeptieren, dass es heute die unterschiedlichsten Kommunikationsplattformen gibt, dass bestimmte Leute den digitalen Raum nutzen, um ihre Texte als Videos zu veröffentlichen und da sind klasse Texte dabei“, erklärt Jörg Braunsdorf die Einbindung der Online-Aktivitäten.

Im Vergleich zum Wettbewerb im digitalen Raum hebt Braunsdorf seine Stärken hervor: „Amazon und Konsorten im Internet machen keine Veranstaltungen. Wir müssen uns anders aufstellen, da gehört so ein Festival dazu. Unsere Kunden haben auf das Festival begeistert reagiert. Noch heute schauen Kunden bei uns vorbei und erkundigen sich nach dem Festival im nächsten Jahr.“ Dann soll READ!Berlin nämlich zum zweiten Mal, wieder im April, stattfinden. Und Buchhändler Braunsdorf ist schon wieder im Festivalmodus: „Nach dem Festival ist vor dem Festival.“

Hanna Schönberg  schoenberg@buchreport.de

READ!Berlin in der Rückschau

  • 24.-30. April 2015 an 15 Veranstaltungsorten in Berlin-Mitte
  • Thema des Festivals: Berlin als Stadt mit einer wechselvollen Geschichte und Gegenwart
  • 40 Autoren, darunter Thilo Bode, Lydia Davis, Paula Lambert, Mark Terkessidis und viele weitere
  • 27 Live-Veranstaltungen (3 bis 5 Veranstaltungen pro Tag)
  • Etwa 2000 Besucher
  • Veranstalter: Jörg Braunsdorf und Jörg Englbrecht (Buchhandlung Tucholsky), Anna Mandalka (Verlegerin Orlanda Verlag), Christian Stahl (Journalist und Autor)
  • Weitere Informationen: http://read.berlin/

 

Programmschwerpunkte

  • Flucht: Die Schauspieler Denis Moschitto und Harald Polzin lasen aus den Werken der aus Syrien geflohenen Autor/innen Dima Wannous und Aboud Saeed, in denen diese ihre Eindrücke der Flucht schildern.
  • Buchpremieren: Kolja Mensing, Ingo Fietze, Eva Ruth Wemme und Mark Terkessidis stellten ihre neuen Bücher vor, die allesamt im weitesten Sinne Vergangenheit und Gegenwart in Berlin aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
  • „Vergessene Premieren“: Autoren wie Lili Grün, die während der NS-Zeit verbannt wurden, fanden in dieser Reihe Platz.
  • Debütantensalon: Den drei Newcomern Sabine Kray, Andreas von Flotow und Sandra Gugi? wurde die Bühne bereitet.
  • Digitaler Salon: Mit Marie Meimberg konnte eine der bekanntesten Youtuberinnen für den virtuellen Raum digitaler Poesie gewonnen werden. Täglich wurde ein Lesevideo der Autorin Linda Rachel auf der Website des Festivals veröffentlicht. Radio-Fritz-Moderatorin Babette Conrady stellte mit „Tweet Poetry“ Poesie in 140 Zeichen vor.
  • Gesprächsreihe Speak!Berlin: Susan Neiman, Thilo Bode und Hans-Martin Tillack u.a. wurden zu ihren politischen Sachbüchern befragt.
  • Hate Poetry: Ebru Ta?demir und Yassin Musharbash zeigten, wie Kulturschaffende Hassbriefe konstruktiv umwandeln können.
  • Gastarbeiter: Die Autoren mit Migrationshintergrund Mehemt Ata, Ferda Ataman, Imran Ayata, Çiçek Bacik und Konstantina Vassiliou-Enz blickten auf die Geschichten ihrer Eltern zurück.

Praxis-Tipps von Jörg Braunsdorf

  • Idee, Thema und Umfang: Zu aller Anfang steht die Idee. Bevor man mit der Planung beginnt, sollte man sich überlegen, wie groß das Festival werden soll, was ein passender Termin ist, über welchen Zeitraum und wie viele Veranstaltungen man plant. Welche Nachfrage gibt es vor Ort, welches Thema ist noch unbespielt?
  • Partner und Aufgabenverteilung: Ganz allein geht es nicht. Man sollte sich Partner für die Planung mit ins Boot holen. Hier können vor allem persönliche Kontakte genutzt werden. Die Planungsgruppe sollte nicht zu groß sein, um die Entscheidungsfindung nicht zu erschweren. Es bietet sich an, Aufgaben zu verteilen. Bei READ!Berlin haben sich beispielsweise die Buchhändler um die Finanzen, die Inhalte und Kontakte zu den Verlagen gekümmert.
  • Finanzierung und Businessplan: Die Hauptkostenpunkte des Festivals sind Autorenhonorare, Miete und Werbemittel. Diese können nur durch Sponsoring gedeckt werden. Es gibt viele Möglichkeiten, bei öffentlichen Mitteln sollte die Antragstellung ein Jahr im Voraus angegangen werden. Der Sponsor sollte zu einem passen. Es muss beim Antrag ein ausgearbeiteter Businessplan vorgelegt werden, der u.a. definiert, warum das Festival für Stadt und Publikum interessant ist. Der Businessplan hilft Einem auch selbst. Man vergegenwärtigt sich das eigene Vorhaben und hat bereits die erste Basis für die Texte.
  • Programm und Räume: Mit der Programmplanung sollte parallel begonnen werden. Bei den Räumen sollte die richtige Größenordnung und eine passende Mietkalkulation beachtet werden. Man sollte selbstbewusst in Verhandlungen gehen.
  • Werbemittel: Sponsoren und die eigene Buchhandlung müssen in allen Werbemitteln auftauchen. Man sollte sowohl die Texte als auch die Grafik professionell machen lassen, damit es auch optisch stimmt. Jemand außerhalb des Festivalteams sollte gegenlesen.
  • Durchführung: Immer flexibel bleiben und wenn nötig auf Alternativlösungen ausweichen. Freunde und Familie ggf. einspannen.